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PHILOSOPHIE

27.11.2006
Jubiläumsveranstaltung Der Rückblick

02.05.2006
Daniil Andrejew und der Tod Aus: Prof. Dr. Wolfgang Kasack

26.02.2006
F. M. Chorkow Daniil Andrejew im Jahre 1943

10.02.2006
Daniil Andrejew an Alla Andrejewa. Briefe aus dem Kerker.

13.11.2005
Mein Weg zu Daniil Andrejew und „Rosa Mira“ Zur Übersetzung ins Deutsche. Björn Seidel-Dreffke (aus dem Vortrag bei der Buchpräsentation)

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Björn Seidel-Dreffke

„Rosa Mira“ und die russische Philosophie

„Rosa Mira“ („Die Weltrose“) ist ein universelles Werk und als solches reichen seine Wurzeln bis tief in die russische Kulturgeschichte hinein. Neben russischer Literatur und Mystik ist es vor allem die russische Philosophie, die es inspirierte und bereicherte.

Unsere Rubrik macht mit Denkern bekannt, die man mit vollem Recht als Vorläufer Andrejews bezeichnen kann. Wahrscheinlich wird der Leser zu dem Schluss kommen: So viele unterschiedliche Denkmodelle, so verschiedene philosophische Systeme, auf welche Weise sollen sie alle in Andrejews Werk Eingang gefunden haben? Es gibt indes entscheidende Aspekte in diesen Systemen, die sich wie ein roter Faden durch das russische Denken von fast zwei Jahrhunderten ziehen und in Andrejews Werk gewissermaßen eine Kulmination, eine umfassende Ausarbeitung gefunden haben.

Gemeint ist hier vor allem die Idee von der All-Einheit. Dieser liegt die Vorstellung zugrunde, dass alle die Welt bildenden Bestandteile in einer Wechselbeziehung zueinander stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Die Elemente dieser Einheit entsprechen einander und zugleich dem Ganzen. Es wird dabei allerdings nicht von einem monolithen Gebilde ausgegangen, sondern im Gegenteil die Einheit in der Vielheit gesucht. Die Weltentwicklung wird dabei häufig als ein Herausfallen aus der Einheit mit Gott verstanden, welche allerdings niemals wirklich völlig zerstört werden könne und Schritt für Schritt wieder hergestellt werden müsse. Die Idee der All-Einheit geht davon aus, dass das gesamte Weltall, alle Planeten, Sterne, Sonne, Menschen, Tiere und Pflanzen einst aus einer Urquelle, einem Urgrund heraus entstanden sind. Alles befand sich ursprünglich in direkter Verbindung und Einheit mit Gott. Erst durch eine Katastrophe kosmischen Ausmaßes habe die Scheidung von Gott und Kosmos, von Himmel und Erde, von Mensch und Natur, Mensch und Mensch ihren Anfang genommen. Doch die Erinnerung an diese Einheit lebe in uns fort, oft tief im Unterbewusstsein verborgen, trotzdem aber auf ewig präsent und letztlich unzerstörbar. Dieses Grundprinzip bildet die erste und entscheidende Grundlage dafür, alles, was den Menschen umgibt, seien es andere Menschen, Tiere oder Pflanzen, im eigentlichen, tiefen und umfassenden Sinne, als Brüder und Schwestern, als Teil seiner selbst zu betrachten. Aus diesem Urzustand der Vereinigung mit Gott stamme ergo auch das Gefühl der Liebe in seiner vollendeten und höchsten Form. Diese Liebe ist eine universelle Liebe, die gibt und nicht nimmt, die nichts und niemanden besitzen will, sondern durch ihre Universalität, mit der sie alle gleichermaßen umgibt, dem liebenden Individuum selbst zu maximaler Entfaltung seiner Persönlichkeit verhilft.

Die zugrunde liegende Methode philosophischen Reflektierens sucht hier Analogien zwischen den Dingen und weniger deren Differenzen. Dabei prägte die Lehre von der All-Einheit ursprünglich vor allem das östliche Denken, was in den Upanischaden, dem Brahmanismus, dem Buddhismus und in China, zum Beispiel im Denken von Laotse, evident wird. Allerdings wird das All-Einheits-Konzept auch für die westliche Philosophie für bestimmte Epochen zum zentralen Thema. Er war Bestandteil des Denkens in der Antike, spielte in der Patristik eine Rolle und wurde über Denker wie Nikolaus von Kues, Gottfried Wilhelm Leibniz, Benedictus de Spinoza bis hin zum deutschen Idealismus überliefert (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Schelling, Johann Gottlieb Fichte). Allerdings wurde das All-Einheits-Konzept im Westen vor allem im Zuge der seit der Aufklärung einsetzenden Metaphysik-Kritik immer mehr zurückgedrängt.

Die All-Einheit als Kategorie philosophischen Reflektierens wurde im 19. Jahrhundert vor allem in Russland aufgegriffen. Einen ersten Höhepunkt ihrer Rezeption markiert das Schaffen von Alexej Chomjakow, dessen Lehre von der „Sobornost“ (Kommunarität) das All-Einheits-Konzept zugrunde liegt. Chomjakow geht davon aus, dass die Menschheit mit Hilfe des orthodoxen Glaubens zu einem neuen, einheitlichen Organismus geformt werden müsse, der sich dann seinem eigentlichen Anliegen, der Vergöttlichung des Seins, widmen könne.

Auch die Slawophilen griffen das All-Einheits-Konzept in Form der „Sobornost“-Idee auf. Auf besonders nachhaltige Resonanz bei seinen Zeitgenossen stieß Iwan Kirejewski, welcher die Aufgabe formulierte, ein eigenständiges russisches orthodoxes Denken zu entwickeln. Dabei sah er den Unterschied von Orthodoxie und russischem Denken gegenüber dem westlichen vor allem darin, dass es organisch sei. Er stellte damit der rationalen Zersplitterung des westlichen das Organische des russischen Denkens gegenüber und begründete damit eine russische Mission, Osten und Westen zu vereinen.

Ein weiterer Vertreter der Slawophilen, der das „Sobornost“-Konzept in den Mittelpunkt seines Schaffen stellte, war Konstantin Aksakow. Dieser konzentrierte sich dabei allerdings vor allem auf den soziologischen Aspekt. Für ihn war die traditionelle russische Dorfgemeinschaft (obščina) Grundlage der Entwicklung des russischen Einheitsgefühls. Ideen, die später u. a. auch Lew Tolstois Romane prägten.

Doch barg das sich im Slawophilentum artikulierende messianische Denken auch Gefahren einer Übertreibung und damit einer Verzerrung in sich. Die Überbetonung eines bestimmten Aspekts musste dabei zwangsläufig zur Zerstörung der Harmonie in der Einheit führen. Ein Beispiel dafür ist die Theorie des Panslawismus, die eine, wenn notwendig auch gewaltsame, Vereinigung der Welt unter der Führung der slawischen Völker anvisierte. Als Vertreter sei hier Nikolai Danilewski genannt, dessen Buch nationalistische Vorurteile und Herrschaftsansprüche zementierte. Daniil Andrejew weist selbst wiederholt darauf hin, dass immer die Gefahr bestünde, wenn ein Element des Ganzen überbetont wird, damit dem Ganzen auch der Einsturz drohen kann.

Eine weitere Verzerrung des All-Einheits-Konzepts repräsentiert zweifellos der russische philosophische Materialismus. Sicher war es aber kein Zufall, dass die marxistischen Ideen von einer Vereinigung der Welt unter Führung der Arbeiterklasse gerade in Russland auf solch fruchtbaren Boden fielen und daraus schließlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die russische Revolution resultierte. Sozialrevolutionäre und bekennende Marxisten (u. a. Wissarion Belinski, Nikolai Tschernyschewski, Alexander Herzen und Georgij Plechanow) propagierten die Idee einer sich immer weiter vollziehenden Vereinigung der Welt, die mit der Befreiung der Volksmassen aus einer Jahrhunderte währenden Unterdrückung einhergehen sollte. Doch letztendlich verzerrte sich hier der Gedanke der Einigung in Postulate der Trennung, Klasseninteressen erhielten einen höheren Stellenwert als all-menschliche Werte. Anstatt zu verbindender Liebe führte das Ganze zu Völker trennenden Mauern. Grund hierfür ist das, was Wladimir Solowjew (siehe unten) als „negative Einheit“ bezeichnete. Grundlage bildete hier die Idee des Primats der Materie vor dem Bewusstein, dem Ideellen, damit der beschränkten Dimension des Seins vor dessen Unendlichkeit. Das Scheitern dieser Richtung belegt anschaulich, dass eine auf rein materielles Denken aufbauende, sich nur an bestimmten Gesellschaftsschichten orientierende Bewegung nicht über die tieferen inneren Kräfte verfügt, die zu einer universellen Gemeinschaftlichkeit führen könnten.

Dennoch hielten sich auch positive Ansätze dieses Konzepts wie Solidarität und Kollektivgeist, und diese wurden gerade von Russland aus nach dem 2. Weltkrieg nach Europa gespiegelt. Darauf sei hier verwiesen, da auch an dieser Stelle eine reine negative Betrachtung eher zu einem Herausfallen aus der Einheit denn zu ihrer Artikulation führen würde.

Den Höhepunkt seiner philosophischen Durchdringung aber fand das All-Einheits-Konzept schließlich im Denken von Wladimir Solowjew. Er gehört wohl zu den im Ausland am besten bekannten Vertretern der russischen Religionsphilosophie. Charakteristisch für Solowjew ist das Bestreben, stets von organischen Einheiten auszugehen. Nie ist für ihn ein Phänomen gleichbedeutend mit der Summe rein mechanisch zusammengesetzter Teile. Eine solche Betrachtungsweise führe laut Solowjew zur Anerkennung der Trennung als eines in der Schöpfung dominierenden Elements.

Dabei stellt das wichtigste konstituierende Element seiner Philosophie die Sophia-Lehre dar. (Hinweis: Daniil Andrejew entwickelte auch unter Beachtung der solowjewschen Erfahrungen seine Vorstellung über das Wirken von Swenta-Swentana, Nawna, d. h. des weiblichen Aspekts im Sein.) Sophia ist für Solowjew das einigende, verbindende Element im gesamten Schöpfungsprozess. Sophia wurde von ihm zuerst als Bindeglied zwischen Gott und Welt verstanden, später repräsentierte sie selbst für ihn die bereits erreichte Einheit. Die gesamte Entwicklung der Welt sieht der Philosoph als Wirkungsbereich der Sophia an, wobei Sophia in jedem Stadium immer mehr durch das Bestreben, Ganzheiten zu bilden, die größer als die mechanische Zusammensetzung von Einzelteilen sind, zur Manifestation gelangt. Auch Menschen, Tiere und Pflanzen sind Teile eines solch umfassenden Organismus. Grundsätzlich ergibt sich daraus die Schlussfolgerung, dass alles, was anders erscheint als Du selbst, dennoch einen wichtigen Platz im Gesamtorganismus innehat und letztendlich mit Dir verwandt ist. Wer diesen Umstand ignoriert und leugnet, gegen seinen Nächsten auftritt, der anders erscheint, es im Grunde aber gar nicht ist, beraubt sich schließlich selbst seiner eigenen Lebensgrundlagen und Entwicklungsmöglichkeiten.

Allerdings kann Solowjew die Augen vor dem Wirken der Sophia entgegengerichteten Tendenzen nicht verschließen. Dem Streben nach Einheit wirkt etwas entgegen, was den Drang hat, zu zersplittern, zu teilen, die Ganzheiten in elementare, hilflose Einheiten auseinander zu reißen. Dieses Element, das Solowjew als Ur-Chaos bezeichnet, manifestiert sich im egoistischen Selbsterhaltungstrieb des Menschen, führt zu Gewalt, führt zur Ablehnung einer jeglichen Einheit, die anders erscheint, als man selbst ist, führt zu Abkapselung und schließlich zur völligen Loslösung vom Gesamtprozess des Lebens. Es tritt ein geistiger Verfall ein. Um aber die Frage zu beantworten, warum denn das Böse, Hass und Gewalt überhaupt in Gottes Schöpfung Raum haben können, führt Solowjew den Begriff der Freiheit an. Der Mensch, dem von Gott die Möglichkeit zur Freiheit gegeben wurde, versucht oft, seinen Anspruch gegen das berechtigte Streben seiner Mitmenschen nach eben dieser Freiheit zu erreichen. Das kann so weit gehen, dass man sich von den anderen in diesem Anspruch bedroht fühlt und nun seinerseits versucht, die Freiheit der anderen einzuschränken, was sich in verschiedenen Formen gewalttätiger Unterdrückungsmechanismen äußern kann. Dabei sei einem solchen Menschen nicht klar, dass er durch seine Beschränkung der Freiheit der anderen sich dieser letztendlich selbst beraubt. Die Freiheit des Individuums kann sich nur dann voll entfalten, wenn er auch bereit ist, sich im Namen der anderen einzuschränken.

Seine theoretischen Ansätze nimmt Solowjew schließlich als Richtschnur für eigenes Handeln und für seine praktische Philosophie. So sind zahlreiche seiner Gedankengänge darauf gerichtet, wie es konkret möglich wäre, eine Vereinigung der Weltreligionen zu erreichen. Nachdem er zuerst der russischen Kirche eine Sonder- und messianische Stellung zuweisen wollte, überwindet er schließlich in sich selbst die Grenzen des Nationalstolzes und entwirft ein Konzept, das dazu angetan sein sollte, die Wiedervereinigung der Kirchen unter Führung des Papstes zu erreichen. Dieser repräsentiere, trotz aller aus dem Persönlichen resultierenden Abweichungen, die apostolische Tradition und religiöse Autorität, die Jesus Christus auf Petrus übertragen hatte. Allerdings müsse sich auch das Papsttum im Hinblick auf eine solche umfassende einigende Aufgabe wandeln, um wahrhaft geistiger Hirte für die Anhänger unterschiedlicher Glaubenssätze sein zu können.

Solowjews Konzept ist dabei offen für alle Religionen. Er bezieht nicht nur den Katholizismus, Protestantismus und die Orthodoxie in seine Gedankengänge ein. So betont er hinsichtlich des Buddhismus, dass dessen grundlegendes asketisches Prinzip im Christentum enthalten sei, die Stärke des Judentums liege im Vermögen, die gesamte Gesellschaft mit einem religiösen Bewusstsein zu durchdringen, die Synthese von Gesellschaft und Religion schätzt er auch am Islam.

Solowjew lässt es nicht nur bei theoretischen Absichtserklärungen bewenden. Im Jahre 1885 nimmt er eine Einladung des kroatischen Bischofs Strossmayer an. Er will mit ihm die Möglichkeiten und erste Schritte auf dem Wege zur Vereinigung der Kirchen diskutieren. Der Philosoph entfaltet während seines Aufenthaltes eine sehr aktive Tätigkeit, indem er weitere Persönlichkeiten für seine Ideen zu gewinnen versucht. Darüber hinaus verfasst er eine Schrift zur Verteidigung des Talmuds und des jüdischen Glaubens insgesamt gegen den Antisemitismus, der zu jener Zeit in Österreich und in Deutschland schon stark an Einfluss gewonnen hat. Enttäuscht von der ausbleibenden praktischen Resonanz auf sein Konzept, beschließt er, zum lebendigen Beispiel dafür zu werden, dass die Einigung möglich ist. Er empfängt im Jahre 1896 – ohne aus der orthodoxen Kirche auszutreten – das Abendmahl von einem katholischen Priester.

Es war sicher auch diese Verbindung von theoretischem Philosophieren und Bemühen nach praktischer Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse, die Solowjew zu einem der einflussreichsten Denker für die spätere russische Geistesgeschichte (bis hin zu D. Andrejew) werden ließ.

Solowjews Überlegungen inspirierten die weitere russische idealistische Philosophie entscheidend. Genannt seien an dieser Stelle Nikolai Berdjajew, Sergej Bulgakow, Pawel Florenski, Jewgeni Trubezkoi, Semjon Frank, Lew Karsawin, Nikolai Losski, Alexej Lossew. Dabei wurden bei den einzelnen Denkern jeweils unterschiedliche Aspekte des All-Einheits-Konzepts weiter entwickelt.

So bemüht sich der Solowjow-Schüler Trubezkoi um ein Zusammenführen des religiösen, sittlichen und sozialen Prinzips, wobei er sich sowohl gegen den bürgerlichen Individualismus als auch gegen den sozialistischen Kollektivismus ausspricht. Bei Frank stützt sich die Idee der allgemeinen Vereinigung vor allem auf die Grundfesten ehelich-familiärer Beziehungen. Bulgakow und Florenski hingegen betonen die kirchlich-theologische Bedeutung des „Sobornost“. Ökumene sind für beide gleichbedeutend mit dem Leben in der einen christlichen Wahrheit.

Neben den sich explizit als Philosophen artikulierenden Vertretern der russischen Geistesgeschichte gab es auch in der russischen Literatur Autoren, die das All-Einheits-Konzept in ihre Weltanschauung integrierten. Da die Rubrik „Literatur“ und „Rosa Mira“ prononciert über die literarischen Quellen von D. Andrejews Werk Auskunft gibt, sollen an dieser Stelle jene Literaten zu Wort kommen, die sich außer als Schriftsteller eben auch bewusst als Denker verstanden und sich auch als solche artikulierten. Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang vor allem auf Autoren des russischen Symbolismus (Andrejew selbst nennt ja einige von ihnen in seinem Buch).

Der Symbolismus verstand sich nicht nur als ein künstlerisches Konzept, sondern als ein Gedankengebäude. Sein Credo war es, eine Einheit zwischen Lebensdeutung und Lebensweise, zwischen künstlerischer und ideeller Durchdringung des Seins herbeizuführen.

Zu den führenden Vertretern des russischen Symbolismus gehört Wjatscheslaw Iwanow, der in seinen Arbeiten häufig auf das Vorgefühl einer neuen „organischen Epoche“ verweist. Sein Ziel ist es, eine theatralisch-ästhetische Utopie zu entwerfen, die von einem neuen gemeinschaftlichen Geist durchdrungen sein sollte. In Bezug auf die praktische Umsetzung seiner Ideen plädiert er für eine „Familie neuen Typus“, die nicht mehr aus dem dualen Antagonismus zweier Personen bestehen sollte, sondern aus drei Personen, um so ein Abbild der göttlichen Trinität zu schaffen. Auch Beziehungen zwischen Menschen an sich sollten sich zukünftig auf dieses Schema gründen.

Die Schwierigkeit der Umsetzung dieser Entwürfe zeigt der „Fall Minzlowa“. Die Theosophin Anna Minzlowa hatte Iwanow versprochen, ihm für das geplante mystische Dreieck zwei weitere Personen zuzuführen. Die Enttäuschung, die das lange sorgsam gehütete Geheimnis hervorrief, war groß, als Iwanow erfuhr, dass Minzlowa sich selbst und Andrej Belyj für diese Verbindung vorgesehen hatte. Schließlich führte diese Enttäuschung zum Zerwürfnis zwischen allen beteiligten Personen, wobei man dies wiederum als Ausdruck der „negativen Einheit“ deuten könnte.

Ein weiterer das All-Einheits-Konzept auf seine Weise verarbeitender Vertreter des russischen Symbolismus ist Dmitri Mereschkowski. Ihm kommt es darauf an, die Spaltung im Menschen selbst zu überwinden. Dabei spiele laut Mereschkowski auch die scharfe Einteilung der Menschheit in Männer und Frauen eine negative Rolle. Er hingegen sieht in den Frauen männliche Aspekte und in den Männern weibliche. (Eine Idee, die übrigens auch bereits Wladimir Solowjew in seiner „Philosophie der Liebe“ vertreten hatte, wobei jener allerdings nicht so weit ging, die Existenz unterschiedlicher Geschlechter an sich in Frage zu stellen.)

Mereschkowski geht nun über diesen Ansatz hinaus, indem er die These aufstellt, in der kommenden Epoche sei es das Weibliche und Männliche harmonisch zu gleichen Teilen in sich bergende Androgyn, welches zum Menschen der Zukunft würde. Durch die Überwindung der Spaltung in sich selbst und das Ganz-Werden könne ein jeder auch dem anderen derartig mit Ganzheit ausgestatteten gesellschaftlichen Subjekt in freier Wahl gegenübertreten und sich so eine harmonische Gemeinschaft herausbilden. Sicher stilisierte sich die den Gedanken ihres Ehegatten vollends zugeneigte Sinaida Hippius nicht von ungefähr mal als vampartige Lady und mal als männlich wirkender Dandy.

In diesen Reigen der Suche nach der „Ganzwerdung“ des Menschen ist sicher auch Wassili Rosanow einzuordnen. Jener geht davon aus, dass erst die Unterordnung des Fleisches unter den Geist zu den verschiedensten Entartungen und Perversionen geführt habe. Auch das Fleisch müsse nun in der neuen Epoche „geheiligt“ werden. Dabei schwebt ihm eine Verbindung antiker Mysterienkulte und des Christentums vor. Zuweilen geht er in seinen Forderungen mit dem für seine Zeit Tolerierbaren zu weit. So wird er zum Beispiel für seine Forderung verspottet, die Vermählten sollten sich künftig direkt auf dem Altar der Kirche lieben, wie es angeblich in den antiken Kulten üblich gewesen sei.

Ein an dieser Stelle noch unbedingt zu erwähnender Theoretiker des russischen Symbolismus war Andrej Belyj. Seine gesamte Weltanschauung basiert auf dem All-Einheits-Konzept. Belyj zuerst Theosoph, später Anthroposoph versucht mit seinen Werken „Organismen“ zu schaffen, die alle Dimensionen der Welt widerspiegeln sollten. Das Symbol wird für ihn zum integralen Element, welches die unterschiedlichsten Sinn- und Seinszusammenhänge mit einem Mal auszudrücken vermag, dabei trotz ambivalenter Deutungsmöglichkeiten doch immer auf die Einheit verweisend.

Mit Zunahme der sozialistischen Ideologie, wachsender Intoleranz gegenüber Andersdenkenden in der Sowjetunion verebbten die großen Entwürfe von der All-Einheit immer mehr bzw. wurden Bestandteil des Untergrunds, der Subkultur oder der russischen Emigration. Zahlreiche Philosophen verließen das Land (u. a. Frank, Bulgakow, Berdjajew) und konnten ihre Entwürfe, nunmehr selbst in die Dualität einer Entfernung von der Heimat gestürzt, an der Realität messen. Der tägliche Kampf um das Überleben in der Emigration, der Weltkrieg etc. ließen das Große und Ganze bald hinter den Einzelinteressen zurückbleiben.

In dieser Zeit lebt der russische Denker, Mystiker und Dichter Daniil Andrejew, der gleichsam als Fazit zahlreiche der vor ihm gedachten Konzepte zusammenfasst und in seiner „Rosa Mira“ darlegt. Um dem Leser in dieser Hinsicht keine vorgefasste Meinung aufzudrängen, wird dieser gebeten, sich den entsprechenden Eindruck selbst von dem Buch zu verschaffen.

 

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